Clankriminalität: Ein Aussteiger packt aus – „Wenn Du jemandem die Nase brichst, bist Du der King“

Eine Bar in Neukölln. Auf dem Podium sitzt ein Mittdreißiger im Hoodie und beantwortet die Fragen von Journalisten. Ernst, reflektiert – und schonungslos offen. Fotografieren darf man ihn nicht, und auch sein richtiger Name bleibt sein Geheimnis. Er ist mehrfach vorbestraft wegen Drogenhandel, schwerer Körperverletzung und schwerem Diebstahl, aber das war in seinem früheren Leben. Mit 23 stieg Khalil O., der Spross einer der bekanntesten arabischen Clans in Berlin, aus der Szene aus. Er holte sein Abitur nach und studierte Sozialarbeit. Heute arbeitet er als Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche. Jetzt ist seine Geschichte erschienen: „Auf der Straße gilt unser Gesetz.“ Christine Kensche, Nahost-Korrespondentin der „Welt“, hat sie mit ihm zusammen aufgeschrieben. 

Herr O., bei Clans denken die meisten Deutschen an Drogenhandel, Gewalt, teure Autos, dicke Goldketten und die Gangsterserie „Four Blocks“. Woran denken Sie?
Ich denke eher an Chancen und Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung.

Sie meinen das Sprichwort: „Blut ist dicker als Wasser?“
Ja, aber im positiven Sinne. Ich hatte in meiner Familie auch ein, zwei Leute, die haben studiert. Das waren zwar keine Vorbilder. Aber man wusste: Okay, es geht auch irgendwie anders. Zu meinem Clan zu gehören, kann Fluch sein. Es kann aber auch Segen sein. 

Aber Ihr Buch liest sich eher so, als sei der Clan ein Gefängnis gewesen. Sie waren Regeln und Ritualen unterworfen, die ihre Familie aus ihrem türkischen Ursprungsdorf mitgebracht hat. Freiheit blieb da kaum. Sogar bei der Partnerwahl redet die Familie mit. 
Na ja, wenn du in Gaza aufwächst, ist Gaza für dich nicht unbedingt ein Gefängnis. Das sagen Leute, die von außen darauf gucken. Selber reflektierst du das nicht so in diesem Moment. Du lebst in diesem System und merkst erst später, dass du so bevormundet wurdest. Es ist ja auch sehr viel Liebe innerhalb dieser Familie.

Wenn man Ihr Buch liest, spürt man davon eher wenig. Sie beschreiben die Härte, mit der Sie erzogen wurden. Ihr Vater hat Sie und Ihre Brüder regelmäßig mit dem Stock verprügelt.
Ja, das stimmt. Wir haben uns nach jedem Elternabend zwei, drei Hosen und einige Pullover übereinander angezogen, weil wir wussten, dass wir Schläge kriegen. Aber die Erziehung hat bei uns eben anders stattgefunden. Die anderen Kinder in der Schule  kriegten Stubenarrest, wir Schläge. Das war bei uns eine andere Normalität. Wir haben uns darauf vorbereitet.

Sie beschreiben Ihren Vater als einen Mann, der für sein Geld auf dem Bau schwer gearbeitet hat und nach der Scheidung von Ihrer Mutter alleine für die Kinder gesorgt hat. Er wollte verhindern, dass Sie auf die schiefe Bahn geraten. Er hat genau das Gegenteil damit erreicht.
Diese Härte hat nach der Scheidung nachgelassen. Er musste uns ja auch die Mutter ersetzen. Er hat sich ohnmächtig gefühlt. Er hat uns versorgt, aber mehr auch nicht. Natürlich wollte er nie, dass wir so werden. Aber er hat immer an uns geglaubt. Und einige Kinder haben es geschafft, und andere machen immer noch dummes Zeug.

Teilt man selber aus, wenn man zu Hause geschlagen wird?
Dieser Zusammenhang ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Fast jeder Täter war schon mal Opfer. Du weißt, wie sich das anfühlt, geschlagen zu werden. Du weißt, man stirbt daran nicht. Und dann kriegst du außerhalb der Familie Ärger, und Du kannst das nicht regulieren.

Und was passiert dann?
Dann brichst Du jemandem die Nase, und ab diesem Punkt bist Du der King.

BU
Vom Clanmitglied zum Sozialarbeiter, Heyne, 302 Seiten, 20 Euro. 

Sie waren 14, als Sie zum ersten Mal vor Gericht standen. Hat Sie die Verhandlung gar nicht abgeschreckt?
Nein, gar nicht. Ich hatte zwar erst Schiss, als ich vor dem Richter stand. Der hat mir gedroht, wenn er mich nochmal vor Gericht sieht, dann gibt es richtig Stress. Aber am Ende wurde das Verfahren eingestellt, nach einer Ermahnung. Und beim zweiten Gerichtsverfahren war es gar nicht derselbe Richter. Der wusste gar nichts über mich. Das Verfahren wurde wieder eingestellt.

Hatten Sie da den Respekt vor der Justiz verloren?
Ja.

Konnten die Clans nur deshalb so einflussreich werden, weil es der Staat nicht geschafft hat, sich Respekt zu verschaffen?
Nein, die Gesetze reichen eigentlich aus. Aber es gibt nicht genug gute Leute bei der Polizei.

Was heißt „gut“?
Ein Polizist muss sich Namen merken. Und er muss die Leute mit Respekt behandeln. 

Aber ist Respekt das Sesam-Öffne-Dich? Wenn man Ihr Buch liest, hat man den Eindruck, die Clans respektieren nur Leute, die klare Kante zeigen.
Im Nachhinein hätte ich mir für mich als Junge tatsächlich eine härtere Strafe gewünscht. Vielleicht hätte der ganze Blödsinn vermieden werden können, der danach kam. Aber bei Erwachsenen ist das anders.

Was meinen Sie damit?
Für die ist es doch eine Lachnummer, wenn die Polizei zweimal im Jahr medienwirksam in Läden auf der Sonnenallee einreitet, obwohl jeder in der Szene weiß: In den Shisha-Bars und Cafés findet man gar nichts, höchstens mal einen Baseballschläger. Welcher Typ verkauft da heute noch Haschisch? Also, bitte. Das ist so 80er-, 90er-Jahre.

In Nordrhein-Westfalen sieht man das anders. Da sagt die Polizei, die Razzien hätten dazu geführt, dass sich die Anwohner in diesen Bezirken deutlich sicherer fühlen.
Aber dort hält der nette Herr Reul auch hupende Hochzeitsgesellschaften an. Die Leute sind stocksauer. Zu Recht. Wem bringt das etwas? Man will Stärke demonstrieren, um es wieder ins Parlament zu schaffen.

Ihr Buch heißt: „Auf der Straße gilt unser Gesetz“. Die Polizei demonstriert damit, dass die Straße eben nicht den Clans gehört.
Okay, da bin ich voll bei Ihnen. Aber wenn die Beamten Präsenz zeigen wollen, dann sollen die doch einfach täglich Fußstreife laufen und auch in die Cafés gehen. Aber diese großen Razzien sind der falsche Ansatz. Aus meiner Sicht ist das Schikane. Die Polizei soll da hingehen, wo sie weiß: Da sitzen die Täter.

Sie sind heute ungefähr genauso alt wie der bekannte Intensivstraftäter Nidal R., der 2018 nach auf dem Tempelhofer Feld erschossen wurde. Sie arbeiten als Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche. Warum haben Sie den Ausstieg geschafft – und er nicht?
Gute Frage. Ich denke, es liegt an den unterschiedlichen Lebensumständen. Nidal kommt nicht aus einer Großfamilie. Mit Drogenhandel hatte er nichts zu tun. Er war gewalttätig. Er hat sich Ansehen verschafft, indem er andere geschlagen hat. Bei mir war das anders. Ich wollte Geld haben. An manchen Abenden habe ich bis zu 3.000 Euro in Clubs ausgegeben. Das war wie eine Sucht. Am Ende war ich kurz vorm Burnout.

Woher rührt die Gier nach Geld?
Da gibt es so ein Schlüsselerlebnis: Ich war sechs oder sieben, als wir noch in Süddeutschland lebten und Verwandte in Berlin besucht haben. Da haben wir mit einer Schere Kreise aus Eternitplatten von der Baustelle geschnitten, die so groß waren wie Zehn-Pfennig-Münzen und damit haben wir einen Kaugummi-Automaten leergemacht. Wir hatten tütenweise Süßigkeiten und kleine Geschenke. Weißt Du, wie das bei den anderen Kindern ankam? Wir waren die Stars.

Gab es sonst keine Anerkennung?
Ich kann mich nicht daran erinnern. Als ich zwölf war, sind wir dann nach Berlin gezogen. Du kommst in eine neue Klasse und musst gucken: Was ist Deine Rolle? Wer steht über Dir? Im Wedding waren das Jungs mit Goldketten und Jacken mit Emblemen von ihrer Gang. Die Leute hatten Respekt vor denen. Das fand ich geil. 

Heute betreuen Sie solche Jungs als Sozialarbeiter. Was können die aus Ihren Erfahrungen lernen?
Es ist nicht mein Stil, mein Leben und meine Erfahrungen vor den Leuten breitzutreten. Ich sage denen nicht: „Ich hab’s auch geschafft.“ Das passt zwar punktuell. Und da setze ich das auch ein. Es wäre aber unprofessionell, damit hausieren zu gehen. Die Jungs würden denken: Der hat sein Leben erst mit 23 umgekrempelt. Da habe ich ja noch ein bisschen Zeit.    

Was fehlt diesen Jungs?
Eine intakte Familie. Ein Vater, der sich für sie interessiert. Eine Mutter, die sich für sie interessiert. Und Leute außerhalb der Familie, die Ihnen helfen, sich zu orientieren.

Wer war das bei Ihnen?
Uschi. Das war so eine alt-linke Lehrerin, bei der ich das Abitur nachgeholt habe. Die hat gefragt: Junge, was liest Du denn da, die „B.Z.?“ Sie hat mir Bücher empfohlen und mir geraten, mal Deutschlandfunk zu hören. Das hat positiv auf mich abgefärbt.

Ist es in Clan-Familien nicht selbstverständlich, dass Eltern sich für ihre Kinder interessieren?
Nein. Das Verständnis von Erziehung ist in der Türkei oder im Libanon ganz anders. Der Lehrer hat dort eine ganz andere Funktion. Er ist noch eine Autorität. Wenn der im Libanon bei uns am Sonntag durch das Dorf gefahren ist, haben sich die Kinder versteckt.

Und in Deutschland?
Da wird die Rolle des Lehrers immer noch völlig falsch eingeschätzt. Er soll die Regeln aufstellen. Denken viele immer noch. Es gibt Lehrer, die kriegen von den Eltern zu hören, sie sollten das Kind schlagen, wenn es nicht auf sie höre.

Die Eltern wälzen die Verantwortung auf ihn ab?
Ja, es ist wenig Bereitschaft da, selbst Verantwortung für die Erziehung zu übernehmen. Das ist ja auch physisch anstrengend. Ich sehe das an meinen Kindern. Du musst jeden Abend nach der Arbeit noch in ihre Schultasche oder in ihr Mitteilungsheft gucken.

Aber wer in ein anderes Land auswandert, muss sich doch der neuen Kultur anpassen.
Das Problem ist, dass wenig Bereitschaft da ist, sich zu verändern.

Woher kommt das?
Die erste Generation der Clans ist nach Deutschland gekommen, um Sozialhilfe zu kassieren. Die kam damals noch mit der Post. Da hat um elf Uhr der Postbote geklingelt und hat 5.000 D-Mark an der Wohnungstür ausbezahlt, wenn Leute wie meine Großeltern kein Konto hatten. Die haben sich die Augen gerieben. Der Postbote hat 30, 40 oder 50 Mark Trinkgeld bekommen. Irgendwann ist er extra später gekommen, damit sie ausschlafen konnten.

Was haben die Leute daraus gelernt?
Wenn Du so erzogen wirst in Deutschland, wenn Deine Kinder keine Schulpflicht haben, weil Du ja sowieso zurückgeschickt wirst, wenn der Krieg im Libanon vorbei ist, gewöhnst Du Dich daran. Es ist schwer, solche Gewohnheiten zu ändern. Das ändert sich zwar gerade. In der neuen Generation hat schon ein Umdenken begonnen. Aber wenn ich den Eltern meiner Kinder sage, „jetzt setzt Euch doch endlich mal hin und hört Eurem Kind zu“, schaffen viele das immer noch nicht.  

Auch Sie hatten als Kind keine Unterstützung von zu Hause. Mit 23 haben Sie beschlossen, Ihr Leben zu ändern. Erinnern Sie sich noch an den Moment? 
Es war eher ein Prozess. Aber ein Wendepunkt war ein SEK-Einsatz in meiner Wohnung. Es traf mich in meiner Männlichkeit, als ich da vor meiner Frau gefesselt auf dem Boden lag. Mein Bruder wurde erwischt. Die Polizei fand unser Kokain in einem Bunker. Die Einschläge kamen immer näher.

Welche Rolle spielte Ihre Drogensucht?
Die hat dazu geführt, dass ich mich am Ende vor mir selbst geekelt habe. Ich habe einen Stammkunden beim Einkaufen mit seinen Kindern getroffen. Der lebte von Hartz IV, und seine Kinder waren ärmlich gekleidet. Ich glaube, er hat ihr Geld für seine Drogen ausgegeben. Das hat mich total beschämt. Dazu kam der Stress, der Druck, der Burnout. Es gab nur zwei Wege: Entweder, ich geh unter – oder ich rappel mich auf.

In Berlin wird im Kampf gegen die Clan-Kriminalität gerade ein Programm für Aussteiger entwickelt. Kann das funktionieren?
Nein, die meisten haben weder Freunde noch soziale Kontakte außerhalb der eigenen Familie. Vor allem die Jungs genießen ja diesen Ruf, der den Clans vorauseilt, weil der Name auch Türen öffnet und viele Konflikte schon im Voraus klärt. Diese Jungs brauchen vor niemandem Angst zu haben. Warum sollten die aussteigen? Und wohin? Für Frauen ist das etwas Anderes. Viele werden unterdrückt.

Was ist die Alternative?
Man muss Angebote schaffen, um die Kinder zu stärken. Wenn die Eltern dem Betreuer vertrauen, hat der praktisch freie Hand. Ein Vater hat mir mal gesagt: „Die Haut meines Kindes gehört Dir – die Knochen mir.“

Sehen Sie sich selbst als Vorbild?
Ja, in dem, was ich vorlebe. Ich arbeite 10 bis 11 Stunden am Tag – wie mein Vater. Ich habe mich zwar nicht aus meinem Kiez zurückgezogen, aber wir leben jetzt in einem eigenen Haus. Meine Vorbildrolle  darf aber nicht auf Kosten dieser Ruhe gehen, die ich jetzt genieße.

Was meinen Sie damit?
Als ich mir mein Geld noch mit einem Koks-Taxi verdient habe, war mein Leben hektisch. Ich wollte immer im Mittelpunkt stehen. Heute brauche ich das nicht mehr.

Steht deshalb nicht Ihr richtiger Name auf dem Cover ihres Buches?
Genau. Wenn ich jetzt in die Öffentlichkeit gehen und mein Gesicht zeigen würde, wäre es mit dieser Ruhe wieder vorbei.

Sie müssten in Talkshows auftreten und Interviews geben …
 … und mein Foto wäre plötzlich in allen Zeitungen. Genau das will ich vermeiden. Es geht mir um die Geschichte, nicht um meine Person. Ich habe drei Kinder. Die machen ihr Abi. Die werden akzeptiert. Ich möchte nicht, dass die auf ihren Vater angesprochen werden.

Die Fragen stellte Antje Hildebrandt. 

 

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