Stadtplaner Hans Kollhoff über zeitgenössische Architektur – „Das Ergebnis ist grauenvoll“

Herr Kollhoff, wann waren Sie zum letzten Mal einkaufen in einem innerstädtisch gelegenen Warenhaus?
Hans Kollhoff: Das ist noch gar nicht so lange her, vielleicht anderthalb Jahre, im Berliner KaDeWe. Dort bin ich samstags immer gerne einkaufen gegangen, weil man in der sechsten Etage alles zum Kochen bekommen konnte – von gutem Fisch bis hin zu Petersilie. Nach der Übernahme durch einen österreichischen Konzern fing das KaDeWe dann an, die Gemüseabteilung auszusortieren, weil damit offenbar kein Geld zu verdienen ist. In der Lebensmittelabteilung wurde es immer überschaubarer; das Üppige, das ganze Flair war weg.

Das KaDeWe meiden Sie seither?
Richtig. Denn die neuen Eigentümer haben nicht begriffen, dass das eine einzigartige Atmosphäre gewesen ist, ein Organismus, der stirbt, wenn man versucht, ihn in Profitcenter zu zerlegen. Es ist halt profitabler, an Dutzenden von Theken für das Massenpublikum, das den Fisch fotografiert, zu kochen – vietnamesisch, indisch, thailändisch, mexikanisch. Halt das, was es schon vom Urlaub kennt. Damit ist das alte, wunderbare Konzept dahin. Das KaDeWe wurde konsequent kaputt gemacht.

Der Handelsverband Deutschland kal­kuliert unter anderem wegen der Corona-Krise mit 50.000 Geschäftsaufgaben und 40 Milliarden Euro Umsatzverlust im stationären Handel. Was bedeutet das für die deutschen Innenstädte? 
Ich bin da guten Mutes. Einerseits glaube ich, dass das Massensegment mit Billigprodukten in den Innenstädten keine Zukunft mehr hat. Andererseits wird im oberen Segment die Luft dünn. Was mir Hoffnung macht, ist die zunehmende Identifikation der Menschen mit ihrem Zuhause – und dass daraus endlich ein neuer Qualitätsanspruch am eigenen Wohnort erwächst. Dann muss man vielleicht nicht mehr massenweise in den Urlaub flüchten und mit Billigflügen ferne Länder überfallen und deren Charme verbrauchen. Man wird in Zukunft mehr darauf achten, dass es zu Hause schön ist. Deshalb finde ich den Satz, den der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte am Anfang der Corona-Krise geprägt hat, so bemerkenswert: „Io resto a casa“, ich bleibe zu Hause. 

Statt Städtetrip mit Easyjet mehr Niveau daheim? Das klingt allerdings sehr kühn.
Mir scheint das realistisch. Wenn die Menschen zu Hause bleiben, haben sie einen anderen Anspruch an ihre Wohnsituation. Ich vermute, dass sich in dieser Hinsicht – nicht zuletzt, weil diese Krise auch im Portemonnaie Spuren hinterlässt – tatsächlich etwas ändert, und zwar zum Besseren. 

Wenn jetzt überall große Kaufhäuser wie die Karstadt-Filialen schließen, wird es in den Innenstädten enormen Leerstand geben. Haben Sie als Architekt ein intelligentes Konzept für die Nutzung ehemaliger Warenhäuser? 
Selbstverständlich. Ich würde diese frei werdenden Flächen für den Bau von Wohnhäusern nutzen, mit Läden im Erdgeschoss – wie wir es aus dem 19. Jahrhundert kennen. Wer sagt denn, dass die Grundstückspreise immer nur steigen müssen? Damit entstünden kleinteiligere Geschäfte, das würde die Straßen beleben! Man könnte draußen sitzen, und die ­McDonald’s- und Kentucky-Fried-Chicken-Filialen wären nicht mehr so dominant. In Ruhe ein Glas Wein trinken oder auch ein Bier, wo geht das denn heute noch?

Vielfach wird gefordert, der Staat müsse jetzt Geld zur Verfügung stellen, um die deutschen Innenstädte zu retten.
Davon halte ich überhaupt nichts. Warum geht es in Deutschland immer nur um Geld anstatt um Lebensqualität? Ich halte ohnehin wenig von dieser Geldverteilerei für alles und jeden, ohne dass daran ein Qualitätsanspruch geknüpft ist. Man redet nur noch davon, dass der Konsum angekurbelt werden muss – egal, ob es um chinesisches Plastikspielzeug geht oder um sorgfältig produziertes Fleisch. Dieser Wahnsinn des Massenkonsums und der Schnäppchenjägerei muss aufhören. Die Menschen würden auch akzeptieren, dass erst einmal vernünftige Konzepte für ein besseres Leben vorgelegt werden müssen, bevor staatliche Gelder fließen. 

Die Fußgängerzone ist eine Art deutsches Markenzeichen, es gibt sie in jeder großen und mittelgroßen Stadt – und zwar mit den immer gleichen Filialen: H&M, Kik, Media Markt. Ist nicht genau diese Uniformiertheit eine Ursache für den Niedergang der Institution Fußgängerzone?
Es geht doch um viel mehr, nämlich um den Niedergang der Institution städtische Straße und damit der europäischen Stadt. Die Fußgängerzone, entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, ist heute allgegenwärtig. Es ist immer das Gleiche: Man hat eine schöne Straße, dann bedarf es einer Verkehrsberuhigung, danach kommen die Bordsteine weg, damit die Masse sich ungehindert durchwälzen kann. 

Was ist so toll an Bordsteinen?
Für mich ist der Bordstein ein Kulturgut allerersten Ranges, weil dadurch eine saubere Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit im städtischen Verkehr stattfindet. Die Straße ist öffentlich, aber die Häuser zu beiden Seiten sind privat. Wenn ich im Haus bin und sitze auf dem Balkon, in der Loggia oder im Erker, dann nehme ich an diesem öffentlichen Leben teil. Wie weit, das habe ich selbst unter Kontrolle. Dieser Charakter des bürgerlichen öffentlichen Raumes ist eine unschlagbare urbane Qualität. Und die droht zugrunde zu gehen durch die elenden Shoppingcenter und Fußgängerzonen, denen es nur um Konsum und Profit geht. 

Viele Städte würden am liebsten sogar komplett autofrei sein; in Berlin etwa soll demnächst die Friedrichstraße für Autos gesperrt werden. 
Damit ist doch nichts gewonnen. Wenn eine Straße wie die Friedrichstraße erst mal auf dem falschen Gleis ist, dann fängt man an, daran herumzubasteln, und es wird nur noch schlimmer. Das ist ein modernes Phänomen und begann schon mit dem Wohnungsbau in den zwanziger Jahren, der Alternative zum konventionellen Hausbau mit Straßen und parzellierten Blöcken. Mit dem genossenschaftlichen Wohnungsbau ging es ja noch ganz gut, doch dann hat man Siedlungen und schließlich Trabantenstädte gebaut, und es kam ein Problem zum anderen. Die neuesten Erfindungen heißen „grün“ und „intelligent“. Daran kann man gut verdienen. Wenn die Moderne erfolgreich war mit ihren fragwürdigen Produkten, dann als Profitquelle. Das Ergebnis ist grauenvoll. 

Aber die Menschen in den Städten sehnen sich doch nicht nach Autoverkehr.
Wenn man die Leute auf der Straße heute fragt: „Wo möchtest du leben, wo möchtest du spazieren gehen oder dich mit Freunden treffen?“, lautet die Antwort sicher nicht „in der Fußgängerzone“ und auch nicht „in der Siedlung“ oder „in der Trabantenstadt“. In den alten Stadtquartieren hat das dichte Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Straßenverkehr gut funktioniert. An besonderen Orten entstanden großstädtische Kaufhäuser, aber das waren Ausnahmen, denn 95 Prozent der Stadt bestanden aus parzellierten Blockstrukturen mit Läden im Erdgeschoss. Weiter draußen gab es dann nur noch die Eckkneipe, da hat man auch im Erdgeschoss gewohnt, mit Vorgarten. Das ist immer noch möglich! Man muss sich verabschieden von der Krücke „sozialer Wohnungsbau“ – sozial ist daran gar nichts, wenn Sie die ganzen Folgekosten hochrechnen. Man muss wieder städtische Häuser bauen, damit die Menschen sich erst einmal wohlfühlen zu Hause.
 

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